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Für lau? Chance und Risiko bezahlten Nichtstuns

Posted: November 23rd, 2010 | Author: Jan Thomas Otte | Filed under: Allgemeines | 31 Comments »
1.000 Euro für jeden, monatlich, netto. Was fantastisch klingt, ist gar nicht so einfach umzusetzen. Ist das bedingungslose Grundeinkommen tatsächlich sinnvoller als die bestehenden Sozialsysteme? Ist es überhaupt finanzierbar? Die Diskussion bleibt ein Dauerbrenner im Netz.
In Zeiten leerer Kassen Geld verteilen? Klingt wie ein Hirngespinst, wird aber heftig diskutiert. Das Versprechen: 1.000 Euro für jeden Bürger, monatlich, netto. Genug für ein entspanntes Leben nach der Schule, vermutet man. Wer mehr will, könnte im Hochlohn-Land Deutschland immer noch zur Arbeit gehen. Bedingung für dieses Modell: Alle Sozialleistungen abschaffen wie Bafög, Kindergeld oder Hartz IV. Zwischen 500 und 900 Milliarden Euro würde das kosten, schätzen Experten die dafür notwendige Summe vom Steuerzahler. Am liebsten wollen sie auch den wachsenden Niedriglohn-Sektor der Minijobs abschaffen.

Die Medienpräsenz der Diskussion um das BGE in den deutschen Onlinemedien (blau) und Blogs (rot)

Die Medienpräsenz der Diskussion um das BGE in den deutschen Onlinemedien (blau) und Blogs (rot)

Hartz IV-Empfänger würden häufig verächtlich angeschaut, meint Diana Huber, Mitglied im Vorstand der Berliner Bürgerinitiative Grundeinkommen. „Es wird vermittelt, dass man selbst schuld sei. Wer fühlt sich dann wertvoll genug, sich aktiv in dieser Gesellschaft zu engagieren?“, fragt sie. Zahlreiche Betroffene würden sich isolieren, ihre finanzielle Situation am liebsten verschweigen. „Scham lähmt viele Menschen.“ Ziel ist nicht ein schönes, neues, soziales Wohlgefühl, sondern ein Ende sozialer Einsparungen und schlechter Arbeitsverhältnisse in der Wirtschaft. Viele Menschen könnten von ihrer Arbeit nicht mehr leben. Diese müssten „als Aufstocker beim Amt auflaufen“, sagt sie.

Huber versucht, Bedenken bei Arbeitnehmern zu entkräften. Sozialleistungen würden nicht gestrichen, sondern durch das lebenslange Grundeinkommen ersetzt und damit vereinfacht. Zudem seien die Anreize, einen „richtigen“, sozialversicherungspflichtigen Job zu bekommen, bisher äußerst gering: „Wer heute auf Hartz IV ist, hat kaum eine Chance, dort wieder rauszukommen. Wer dazuverdient, bekommt Abzüge mit hohem bürokratischem Aufwand“, bemängelt Huber. Das BGE gäbe dagegen auch eine Basis, sich ehrenamtlich für andere einzusetzen.

Dass Menschen mit BGE ihre Arbeitszeit drastisch reduzieren würden, hält Huber für eine wunderbare Idee: „Tun wir doch nicht so, als hätten wir ein Überangebot an Arbeitsstellen!“ Selbst wenn alle Stellenausschreibungen besetzt seien, wären noch Millionen Menschen ohne Job, rechnet sich Diana Huber aus. Die Produktivität sei heute so hoch wie nie. Mit immer weniger Menschen hinter dem PC. Bei Dienstleistungen könnten neue Jobs entstehen. Mit wegfallenden Nebenkosten durchs BGE sei das möglich. „Das birgt ein großes kreatives Potential, was Mehrwert schafft“, sagt sie. Die Statistik der Arbeitslosigkeit hält Diana Huber ohnehin für „massiv verfälscht“. Denn wer länger krankgeschrieben ist, sich mit Ein-Euro-Jobs über Wasser hält, eine Weiterbildung in Angriff nimmt oder sich selbstständig macht, wird nicht mitgezählt. Zudem hält Huber die „Angst vor Hartz IV“ für absichtlich geschürt, „damit Arbeitgeber ihre Angestellten besser ausbeuten können“.

Es ist „erstaunlich, welche exotischen Blüten aus dem Sumpfboden unseres Wohlfahrtsstaates wuchern“, sagt Gerd Habermann, Direktor des Instituts der Arbeitsgemeinschaft Selbständiger Unternehmer, über das im BGE enthaltene „Recht auf Faulheit“. Mit der Idee eines BGE würden die Vorschläge sozialistischer Utopien übertroffen, die eine staatlich gewährte Versorgungsgarantie des Bürgers mit seiner Arbeitspflicht verknüpfen. Dass das BGE mit dem durchaus christlichen Argument der „Menschenwürde“ durchgesetzt werden soll, hält der Katholik für unverständlich. Sollte es unwürdig sein, zwecks Selbsterhaltung fürs tägliche Brot nun mal arbeiten zu müssen? Vielmehr hält Habermann einen Staat, in dem alle per Sozialhilfe auf Kosten aller anderen leben können, für völlig ungerecht.

Die Effekte der BGE-Idee scheinem ihm klar zu sein: Sinken der Arbeitsmotivation, besonders bei schlechter Verdienenden, Verknappen des Arbeitsangebotes und Ausbreitung einer „innovationsfeindlichen Rentnermentalität“, prophezeit Gerd Habermann. Die von BGE-Befürwortern angedachte Besteuerung würde extrem hoch sein und besonders Reiche treffen, die ja auch arbeiten. Dass uns die Arbeit niemals ausgeht, zeigen Länder mit so genannter Vollbeschäftigung von der Schweiz bis Neuseeland. Zudem habe sich die Zahl der Arbeitsplätze durch umwälzendes Technisieren vermehrt. So entgegnet Habermann den Einschätzungen der BGE-Initiative: „Die Erfindung der Eisenbahn schuf mehr Arbeitsplätze, als sie im Kutschenbereich vernichtete.“ Ebenso sei das heute in der IT-Industrie. Kapitalflucht hält der Wirtschaftsprofessor trotz diverser Argumente von Sozialverbänden für wahrscheinlich. Deutschland würde innerhalb Europas zum „Idealland der Sozialeinwanderung“. Wie man auch zum BGE stehen mag: Arbeit heißt wohl mehr als nur Geld verdienen. Gesellschaftliche Anerkennung und Wertschätzung. Verbunden mit dem Gefühl, gebraucht zu werden.

Buch-Tipp:
Johannes Czwalina und Clemens Brandstetter: „Vom Glück zu arbeiten: Warum eine würdevolle Beschäftigung so wichtig ist“

Links:
Mit Reportagen über Gott und die Welt hinterfragt Jan Thomas Otte so manche Denkstruktur. Zumindest hat er sich das vorgenommen. Der gelernte Journalist ist Research Fellow an der Princeton University in den USA zu Managementideen. Und hat als Wirtschaftsethiker ein eigenes Karriere-Magazin im Internet gegründet: www.karrieristen.net.



Gott per Mausklick-Kirche wächst im Web 2.0 gegen den Trend

Posted: Januar 13th, 2010 | Author: Jan Thomas Otte | Filed under: Allgemeines | Tags: , | 1 Comment »

Die Renaissance der Religionen findet vor allem außerhalb der etablierten Kirchen in Europa statt. Daher brechen einige Ortsgemeinden dorthin auf, wo sie noch unerreichte Zielgruppen vermuten. Im Internet-Simulator Second Life zum Beispiel. Dort geht es um die Traditionen des Abendlandes: Gebet, Bibel-Lese und Beichte.

Die virtuelle Kirche von St. Georg in Second Life. (Bild: PD)

Die virtuelle Kirche von St. Georg in Second Life. (Bild: PD)

Die Kirche St. Georg steht auf der Insel Reichenau im Bodensee, nahe Konstanz. Dort haben sich Internet-Christen im Oktober getroffen. Zum ersten Mal im realen Leben, sonst tun sie das virtuell. Angereist sind Menschen zwischen 30 und 50 Jahren. «Wir sind eine echte Kerngemeinde, eine Community», sagt Dr. Norbert Kebekus von der Erzdiozöse Freiburg. Zusammen mit sechs Ehrenamtlichen betreut er das Internetprojekt seit dem Start Anfang November 2008.

Zwischen acht und 14 Nutzer loggen sich in den Abendstunden ein und besuchen St. Georg. Als Avatare, selbst gestaltete menschliche Computerfiguren, bewegen sie sich durch die virtuelle dreidimensionale Welt des «Second Life» (zweites Leben), die seit 2003 verfügbar ist. «Viele kommen aus der Region. Aber auch die Schweiz und Nordfriesland sind mit dabei», sagt Kebekus. Auch habe es schon manche US-Amerikaner in die Online-Kirche verschlagen, die «einfach mal neugierig» gewesen seien. Behinderte, die es körperlich nicht in die nächste Kirche schaffen, kämen ebenfalls gerne.

Ein regelmäßiges Angebot wie das der virtuellen St.-Georgs-Kirche aber gab es noch nie im deutschsprachigen Raum. Der Bibelkreis trifft sich zweimal im Monat mittwochs, zweimal die Woche gibt es ein gemeinsames Abendgebet. «Wir wollen keine Konkurrenz zum Gottesdienst im echten Leben sein», sagt Kebekus. Der Seelsorger und sein Team sehen ihre Aufgabe darin, Angebote der Ortsgemeinden zu ergänzen. «Wir spenden keine Sakramente, auch kann ich keinen Avatar taufen».

In der Online-Kirche treffen sich Gläubige und Suchende zwischen 20 und 72 Jahren. «Wir teilen unseren Glauben mit ganz unterschiedlichen Lebensentwürfen», sagt der 50-jährige Kebekus. Er selbst hätte seinen Avatar gerne etwas älter gestaltet, aber «im Second Life gibt es leider keine Falten». Ende 2010 will der Betreiber des Pilotprojekts «Kirche in virtuellen Welten», die Erzdiözese Freiburg, über ein längerfristiges Engagement entscheiden. Bis dahin möchte Kebekus das Grundstück im «Second Life» ausbauen, mit anderen Portalen vernetzen und manche technische Hürde seiner Besucher noch meistern.

Die virtuelle St.-Georgs-Kirche bietet auch theologische Themenabende an. Kürzlich ging es um «Himmel und Hölle». Über das Fegefeuer zu reden, das widerspreche doch dem Vorurteil, im Netz könne man nur seichtere Fragen beantworten, urteilt Kebekus. Er will dem Nächsten dienen, Zeugnis für Jesus Christus sein und die frohe Botschaft verkünden: «Wir sind nicht irgendein Kuschelklub im Netz.»

Dieser Artikel ist auch bei NZZ Online erschienen.