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Deutsche Bahn: Holiday, no ICE

Posted: Dezember 28th, 2010 | Author: Jochen Barthel | Filed under: Allgemeines | 44 Comments »

Wintereinbruch ist keine höhere Gewalt
Wenn in Island der Vulkan unter dem Eyjafjallajökull ausbricht und Asche spuckt, wenn die OPEC die Ölfördermenge drosselt oder auch wenn festgefahrene Tarifverhandlungen zu Streiks führen, dann kann es zum Erliegen des Verkehrs kommen. Man steckt fest und es geht nicht vor und nicht zurück. Aber was passiert dieser Tage? Es schneit.
Natürlich können auch extreme Wetterlagen den Verkehr lahmlegen. Etwa letztes Jahr, als in Deutschland niemand damit gerechnet hat, es könnte kalt werden. Das Salz war aus, die Weichen eingefroren, nicht nur der Berliner S-Bahn-Verkehr kam zum Stehen. Der Winter 2009/2010 war auch hart. Besserung wurde gelobt. Und jetzt?
Der Winter hat gerade erst angefangen und die Deutsche Bahn versinkt schon wieder im Chaos. Das Selbstverständis als Branchenprimus ist aber schon lange dahin. Erst kürzlich verglich tagesschau.de die Deutsche Bahn mit der spanischen Gesellschaft RENFE. Ausgerechnet die Spanier sind pünktlicher und effizienter als die Deutschen. Ein Tiefschlag für das nationale Selbstbild.
Weshalb Flugzeuge bei spiegelglatten Pisten und vereisten Tragflächen nicht mehr starten, leuchtet ein. In ganz Europa herrscht deshalb Chaos. Aber wo liegt eigentlich das Problem bei der Bahn? So richtig kann das keiner sagen. Im Bild-Interview macht der Bahn-Vorstand Homburg allein das Wetter verantwortlich. Matthias Oomen, Sprecher des Fahrgastverbands Pro Bahn erkennt in solchen Aussagen eine Argumentation, die die Pannenserie auf höhere Gewalt zurückführen solle. Genau das stellt ein Wintereinbruch aber nicht dar.

Verspätungen und Ausfälle der Schweizer Bundesbahn (blau) geben im Gegensatz zu jenen der Deutschen Bahn (gelb) kaum Anlass zur medialen Klage.

Verspätungen und Ausfälle der Schweizer Bundesbahn (blau) geben im Gegensatz zu jenen der Deutschen Bahn (gelb) kaum Anlass zur medialen Klage.

Ausreden und Versäumnisse
Und in anderen Ländern? Fällt da auch Schnee. Und führt das Wetter dort auch zu solch chaotischen Verhältnissen wie in Deutschland? Betrachtet man die Berichterstattung zu Ausfällen und Verspätungen von Zügen und vergleicht die Sitaution in Deutschland etwa mit der in der Schweiz, so fällt auf, dass die Probleme in den Alpen trotz einer größeren Menge an Schnee geringer ausfallen. Homburg hat auch dafür die passende Antwort parat: Die Verkehrsdichte sei dort viel geringer als in Deutschland. Mit anderen Worten: Es wollen einfach zu viele Menschen mit der Bahn reisen. Das ist das Problem. Deshalb empfiehlt die Deutsche Bahn ihren Kunden wohl auch, momentan am besten gar nicht Zug zu fahren.

Kein Licht am Ende des Tunnels
Wir Kunden sind also selber Schuld. Wir haben das Problem nicht bei uns gesucht, sondern immer nur bei der Bahn. Jetzt sind wir aber mal dran. Im nächsten Winter muss die Bahn geschont werden. Da fahren wir eben nicht an Weihnachten sondern im Januar zu unseren Liebsten. Wir fahren mit dem Zug, wenn die Bahn bereit ist. Der wahre Grund für die Misere wird weiter ignoriert. Es ist doch so, dass nicht etwa das Wetter oder die Verkehrsdichte die Gründe für das Bahnchaos darstellen, sondern der geplante Börsengang und die Gewinne, die deshalb erzielt werden sollen. Genau das ist übrigens in der Schweiz nicht geplant. Wie schon bei der Berliner S-Bahn kommt es dadurch unweigerlich zu Versäumnissen, wie es heute sogar Verkehrsminister Ramsauer gegenüber dem Spiegel einräumt. Und was nützt das dem Kunden? Nichts. Aber die Bahn gelobt Besserung. Mal wieder.



Horst Köhler stürzt Lena Meyer-Landrut

Posted: Juni 14th, 2010 | Author: Jochen Barthel | Filed under: Allgemeines | Tags: | 30 Comments »

Wirtschaftskrise, Eurokrise, Koalitionskrise: Ende Mai waren wir in Deutschland äußerst krisengeplagt, zumindest medial, als Lena Meyer-Landrut aus Hannover für uns in den Chanson-Ring in Oslo stieg und das Unglaubliche erreichte: den ersten Platz. Vergessen waren alle schlechten Nachrichten der vergangenen Tage, Wochen, Monate. Wir waren froh.
Nach dem verpatzten Sommermärchen 2006 kommt Lena und gewinnt für uns alle. Wir sind Lena. Die Schlagzeilen am Tag darauf kennen nur ein Thema. In Hannover wird die Gewinnerin empfangen wie ein Staatsgast, die Kanzlerin lässt grüßen, der Ministerpräsident von Niedersachsen, Christian Wulff, erscheint persönlich und überreicht Blumen.

Lena Meyer-Landut (rot) und der ehemalige Bundespräsident (blau) in den Online-Medien.

Lena Meyer-Landut (rot) und der ehemalige Bundespräsident (blau) in den Online-Medien.

Katerstimmung
Aber die Freude währt nicht lange. Nach dem berauschenden Wochenende kommt der Kater am Montag um so heftiger, als Bundespräsident Horst Köhler seinen sofortigen Rücktritt verkündet. Wieder kennen die Nachrichten nur ein Thema. Lenas Stern droht nach nur zwei Tagen des Ruhms zu verglühen.
Medial war diese Reaktion nicht vorhergesehen worden. Nach einem Interview zum Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr fühlte sich Köhler missverstanden. Er wittert eine mediale Kampagne gegen ihn und gegen das Amt des Bundespräsidenten. Seine Entscheidung wird von großen Teilen der Bevölkerung bis heute nicht recht verstanden.

Unser Star für Bellevue
Da ist sie also wieder, die Krisenstimmung. Nach Oslo beginnt sofort die nächste Casting-Show. Gesucht wird dieses Mal unser Star für Bellevue. Medial ist die Resonanz auf Lenas Sieg und Köhlers Rücktritt durchaus vergleichbar. Beide Meldungen kamen überraschend und waren nach wenigen Tagen fast vergessen. Merkwürdig verbunden sind beide Themen mit der Person Christian Wulff, dem einzigen Profiteur beider Schlagzeilen. Kann der Bundespräsidentschaftskandidat der Koalition auf einer Welle des Erfolgs direkt von Lenas Empfang in Hannover nach Berlin surfen? Wie dicht Sieg und Niederlage bei einander liegen können, hat das letzte Mai-Wochenende ja gezeigt. Und die Medien lieben beides.



Mixas Ignoranz wäscht Käßmanns Weste rein

Posted: Mai 15th, 2010 | Author: Jochen Barthel | Filed under: Allgemeines | Tags: , | 27 Comments »

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Rücktritt (rot) und Alkoholfahrt (grün) von Margot Käßmann im medialen Vergleich zu den Missbrauchsvorwürfen in der katholischen Kirche (blau) und dem Rücktritt Mixas (orange)

Dass er ein paar Watsch’n nicht ausschließen könne, war die Aussage, mit der der zurückgetretene Bischof von Augsburg, Walter Mixa, begann, auf den rechten Weg zurückzufinden. Zuvor waren die Misshandlungs- und Missbrauchsvorwürfe gegen ihn immer lauter geworden. Am 21. April war es endgültig vorbei mit der urkatholischen Taktik des Aussitzens. Mixa bot seinen Rücktritt an, den der Papst am 8. Mai zunächst ohne großes Aufhebens hinnahm.
Die katholische Rhetorik war bis dahin wirklich bemerkenswert. Nicht nur, dass Mixa der 68er Revolution eine Mitschuld für die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche gibt. Wie die Süddeutsche Zeitung berichtet, spricht das Blatt Kirche heute sogar von einer „medialen Hinrichtung“ und zieht Vergleiche zu Heiligen, deren Wirken zu deren Lebzeiten doch so oft unverstanden blieb. Mixa wird zum Opfer stilisiert, der Spieß wird umgedreht, schämen sollen sich die anderen.
Vatikan beugt sich dem medialen Druck
Und ja, der mediale Druck war enorm. Nachdem die Vorfälle am Berliner Canisius-Kolleg bekannt wurden, begann eine mediale Berichterstattung, die bis heute nicht zu Ende diskutiert ist. In verschiedenen Wellen ist das Thema in den Medien stets präsent, und wird auch nicht von anderen Themen verdrängt. In diesem Zusammenhang jedoch von einer Kampagne zu sprechen, wäre völlig falsch. Schließlich haben immer neue Verdachtsfälle und Beschuldigungen das Thema angeheizt. Das Thema blieb auf der Tagesordnung, weil die Abgründe des Missbrauchsskandals immer einen Deut tiefer waren, als man es noch am Vortag erwartet hatte. Sowohl die Medien als auch die Kirche konnten das Thema nicht ignorieren, wodurch der Druck auf Mixa, dem wohl prominentesten Beschuldigten, deutlich anstieg. Erst mit seinem Rücktrittsangebot begann sich die Diskussion zu beruhigen. Mittlerweile sieht man die Gründe für das Fehlverhalten einiger Geistlicher selbst im Vatikan als internes Problem der katholischen Kirche. Papst Benedikt XVI. distanzierte sich am Dienstag zu Beginn seiner Portugalreise von den Vorwürfen, die katholische Kirche sei Opfer einer Medienkampagne geworden. Die konsequente Berichterstattung hat zu solcherlei Einsichten ein gutes Quäntchen beigetragen.
Von Käßmann straucheln lernen
Verwunderlich ist, dass man im Vatikan nicht verstand, wie ein Skandal klein gehalten werden kann, wenn man nur schnell die entsprechenden Konsequenzen zieht. Umso verwunderlicher, weil etwa zeitgleich mit Aufkommen der ersten Missbrauchsvorwürfe ein weiterer Skandal die Gläubigen erschütterte: die Alkoholfahrt der Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland, Margot Käßmann. Zwar schlug auch dieses Ereignis hohe Wellen, der sofortige Rücktritt ließ jedoch keine weitere Diskussionen zu. Auch wenn es sich im Gegensatz zu den Vorfällen in der katholischen Kirche hierbei um einen Einzelfall handelt, so wird doch klar, dass man eine Diskussion nicht beenden kann, indem man sie ignoriert. Das weiß jetzt auch der Papst.