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Vom 2.0 Engagement zur Bürgerinitiative

Posted: Juni 15th, 2010 | Author: Simone Wagner | Filed under: Allgemeines | Tags: , | 37 Comments »

Erste Demo für Gauck in Berlin (Quelle: www.marcjunker.de)

Erste Demo für Gauck in Berlin (Quelle: www.marcjunker.de)

Vom Web geht es auf die Straße. Gestern fand in Berlin die erste WIR-FÜR-GAUCK-Demonstration statt. Weitere sollen deutschlandweit folgen. Der Ansturm war noch verhalten, rund 50 Demonstranten versammelten sich gestern mit Plakaten auf dem Alexanderplatz. Aber auch die Facebook-Gruppe, in der das Engagement initiiert worden ist, hat klein begonnen und wuchs innerhalb kürzester Zeit auf über 30.000 Mitglieder. Aus der Facebook-Gruppe wurde die Bürgerinitiative “Joachim Gauck als Bundespräsident”.

politReport hat mit dem Mitbegründer der Initiative Thomas Abraham über die Geschichte hinter dem Engagement, politische Mobilisierung im Social Web und direkte Demokratie gesprochen:

politReport: Wie ist die Initiative “Demos für Gauck” entstanden? Wer kam auf die Idee?

Thomas Abraham: Zunächst einmal ist mir wichtig zu erwähnen, daß bereits kurz nach Horst Köhlers Rücktritt der Name Joachim Gaucks in so manchen Köpfen präsent war. Auch ich brauchte keine 10 Minuten für diese Erkenntnis. Daß Christoph Giesa bereits deutlich vor der Bekanntgabe der Kandidatur Gaucks die Gruppe “Joachim Gauck als Bundespräsident” gründete, ist eine logische Folgerung. Am 7.Juni um 00:21 schrieb dann Detlef Guertler in einer Diskussionsgruppe von Giesas Gruppe: “Was haltet ihr davon, den 17. Juni zum Aktionstag für die Wahl des besseren Bundespräsidenten zu machen?” Am 8.Juni nahm es schließlich Rainer Ohliger aus Berlin in die Hand, jene acht Leute, die sich spontan bereiterklärt hatten, lokale Veranstaltungen zu koordinieren, zu einer Telefonkonferenz einzuladen. Mittlerweile gibt es diese Gruppe auch als Bürgerinitiative “Joachim Gauck als Bundespräsident”. Das ist beeindruckend.

pR:  Haben Sie Kotakt zu Joachim Gauck?

TA: Ich kenne ihn seit 1974, als ich als Neunjähriger durch Umzug Mitglied der Kirchgemeinde Rostock-Evershagen wurde. Er hat meine persönliche Entwicklung maßgeblich geprägt. Von ihm habe ich gelernt, was Demokratie sein kann, wenn man sich auf Freiheit einläßt. Ohne ihn hätte ich nie den Mut gefunden, als 15jähriger Schüler der 2.Erweiterten Oberschule symbolhaft einen Antrag auf Erteilung einer zivilen Aufgabe anstelle des obligaten Wehrkundeunterrichts zu stellen, wobei wichtig ist zu erwähnen, daß ich Gauck vorab nicht von meiner Entscheidung unterrichtet hatte. Er hätte mir sicher abgeraten, ich war noch sehr jung. Jenes Schreiben an die Schule hatte mir eine achtjährige Unterbrechung des einen und die überraschende Entwicklung eines anderen Lebenslaufes eingebracht. Die Erfahrung, zu etwas “Nein” zu sagen, daß ich nicht gutheißen konnte, ermöglichte mir eine Fülle von Erfahrungen, die allesamt auf freiheitlichen und zugleich achtungsvollen Werten des Miteinanderumgehens im Privaten und Politischen gründeten. Wir haben einander seit dem Herbst 1989 nur wenige Male getroffen, was aber nicht heißt, daß ich Joachim Gaucks unermüdliche Arbeit für die Freiheit und Aufrichtigkeit nicht mit großer innerer Teilnahme verfolgt hätte. Im Januar diesen Jahres habe mich sehr gefreut, daß er mich zu seinem 70.Geburtstag eingeladen hatte. Es war eine beeindruckend schöne, geradezu versöhnliche, Veranstaltung, zu der Joachim Gauck Menschen eingeladen hatte, die wichtige seiner Lebensabschnitte mitbestimmt haben. Und niemand der Anwesenden dürfte das Gefühl gehabt haben, hier plane jemand seinen Rückzug - im Gegenteil. Er war ganz der Alte und hatte soviel Neues zu sagen.

pR Auch Parteien haben bei der letzten Bundestagswahl versucht das Social Web zur politischen Mobilisierung zu nutzen. Was machen Sie bzw. die Initiatoren der Facebook-Gruppe besser?

TA: Welchen Grund sollte es geben, sich einer langweiligen Facebookgruppe anzuschließen, deren Mitglieder einander aus der Zeitung oder dem Parteiprogramm vorlesen? Ich bedaure sehr, daß es so lange dauert, die etablierte Dynamik des Netzes nach draußen zu tragen. Stattdessen beobachten viele von “uns” das Gegenteil. Etablierte Parteien versuchen gegenzusteuern, indem sie die Impulse aus dem Netz nicht annehmen, sondern ihre teils verkrusteten Ideen in das Netz tragen. Daß sie dafür in aller Regel mit Ignoranz und Häme gestraft werden, ist folgerichtig. Gauck spricht davon, mithelfen zu wollen, “die Sprachstörung der Regierenden und Regierten” zu heilen. Diese Haltung ist eine Grundlage für Kommunikation, also auch für eine Facebookgruppe.

pR:In Berlin finden die geplanten Demonstrationen als ”Montagsdemonstrationen” statt. Welche Aussage steckt dahinter?

TA:(lacht) Das müssen Sie die Berliner fragen. Ich lebe seit 1988 in Leipzig und habe Montagsdemonstrationen unter deutlich anderen Vorzeichen erlebt. Aber, Kommunikation im Netz lebt von Konnotation. Wir haben uns in der Gruppe darauf geeinigt, nicht der Masse willen Analogien zu beschreiben, die es nicht gibt, aber eine Demo am Montag sollte schon erlaubt sein.

pRSind Sie für eine Direktwahl des Bundespräsidenten? Und was würde dies ihrer Meinung nach in Konsequenz bedeuten?

TA: Ich werde zu den Gründungsmitgliedern des Vereins gehören, der sich nach der Wahl am 30.Juni dem Ziel widmen wird, mehr direkte Demokratie zu ermöglichen. Das wird nicht zwangsläufig darauf hinauslaufen, die Macht der Parlamente zu beschneiden. Wir wollen ja auch nicht den Kanzler direkt wählen lassen, sondern den Präsidenten. Die Macher des Grundgesetzes haben sich etwas dabei gedacht, die Bundesversammlung vorzuschreiben. Wir sollten aber darüber nachdenken, ob diese wirklich noch zeitgemäß ist, zumal sie von Vielen als verlängerter Arm sich in Parteidisziplin üben der Parlamentarier angesehen wird.

Dieses Interview wurde per eMail geführt.



“mygauck”- 2.0 Vorsprung für Gauck?

Posted: Juni 10th, 2010 | Author: Simone Wagner | Filed under: Allgemeines | Tags: , , | 26 Comments »

bildschirmfoto-2010-06-10-um-101212Laut der aktuellen Forsa-Umfrage liegt Gauck mit 42% auf der Beliebtheitsskala der Bevölkerung deutlich vor Wulff mit 32%, eigentlich wäre er auch ein idealer Kandidat für Merkel und das Social Web liebt Gauck. Spiegel Online freut sich schon darüber, dass die Netzgemeinde endlich mal für etwas und nicht immer nur dagegen ist.

Seit der Entdeckung des Social Webs durch die Politik werden auch die Unterschiede zum Benchmark-Wahlkampf von Barack Obama betont. Ganz ohne tatsächlich existierenden Wahlkampf ist nun das gelungen, was dem deutschen Online-Wahlkampf bis jetzt in diesem Ausmass gefehlt hat: Die 2.0 Mobilisierung der Bevölkerung unabhängig von professioneller politischer Kommunikation und Parteiarbeit.

Mittlerweile gibt es unzählige Facebook-Gruppen zur Unterstützung von Joachim Gauck in seiner Kandidatur. Darunter finden sich Gruppen wie “Liberale für Joachim Gauck” und “Christdemokraten für Joachim Gauck”. Die größte Gruppe wuchs in nur wenigen Tagen auf über 25.000 Mitglieder.
Die Twitter-Community begeistert sich für Initiativen wie “mein_praesident” und gibt dem Zuspruch im wahrsten Sinne des Wortes ein Gesicht und ein Profil.

Doch trotzdem alle “dafür-sein” geht es auch um ein “dagegen-sein”. Ein Blick auf die Blogosphäre macht deutlich, dass ein Großteil der Blogeinträge über Gauck auch im Bezug zu Christian Wulff stehen.

Gauck in der Blogospäre

Blogbeiträge zu Gauck (blau) im Vergleich zu denen ohne gleichzeitige Nennung von Wulff (grün)

Dabei geht es nicht darum unbedingt verhindern zu wollen, dass Christian Wulff das Amt des Bundespräsidenten übernimmt. Aber Social Web ist nicht nur Meinungsbildung, sondern auch Meinungsartikulation. Als Christian Wulff als Kandidat vorgestellt wurde, wirkte vieles wie gesetzt. Und die Mehrheiten in der Bundesversammlung sind deutlich. Es scheint so, als ob ein Wahlsystem mit Wahlmännern- und -frauen, in dem Parteizugehörigkeit dogmatisch ist, einfach nicht mehr richtig in die Social Web Realität passen möchte. Es braucht eben keine Vermittler mehr, um mit seiner Meinung öffentlich und potentiell präsent zu sein.